Hindu-Nationalismus in Indien: Sich die Geschichte zurechtmachen / India goes the Nazi way with revising history textbooks

Originally published in the Fernsicht column of Die Tageszeitung on 7 May 2023 [English text follows the published German version.]

Das selektive Ausradieren der indischen Vergangenheit wurde lange vorbereitet – mit dem Ziel, die muslimische Bevölkerung auszugrenzen. Nun passiert es wirklich, und zwar in den Lehrbüchern für Geschichte. Nicht einmal mehr erwähnt wird dort nun das vom 16. bis zum 19. Jahrhundert existierende Mogulreich. Dessen bedeutende Rolle für die Herausbildung einer „indischen Kultur“ soll fortan unterschlagen werden, denn man wolle doch die Arbeitsbelastung der Schulkinder senken.

Aber wer ließ dann den Tadsch Mahal bauen, jenes prächtige Marmormausoleum aus dem 17. Jahrhundert, das auf jeder Tourismusbroschüre abgebildet ist? Das bleibt nun der Fantasie überlassen. All das ist ein weiterer Schritt, um den rechtsgerichteten Hindufundamentalismus, auch Hindutva genannt, systematisch durchzusetzen.

Die extrem rechte Hinduorganisation Rashtriya Swayansevak Sangh (RSS), die die ideologische Vorarbeit für die Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) macht, versucht schon lange, Indien als einen Staat für Hindus allein darzustellen. Niemand hat die Unruhen von 2002 nach einem Attentat auf einen Zug in Godhra im Bundesstaat Gujarat vergessen, als Mus­li­m:in­nen verbrannt, getötet und vergewaltigt wurden. Damals war ­Narendra Modi als Chief Minister der Regierungschef Gujarats.

Sein Schweigen und seine Untätigkeit angesichts der Ausschreitungen waren vielsagend, sein Name kam in mehreren Petitionen vor, die Gerechtigkeit einforderten. Seit 2014 ist er Indiens Premierminister. In den neun Jahren seither hat fortgesetzte Gewalt gegen Mus­li­m:in­nen dazu gedient, seine Agenda des Hindu­staats zu fördern. Es überrascht kaum, dass auch die Godhra-Unruhen aus den Lehrbüchern getilgt worden sind.

Auch der Satz, dass Mahatma Gandhi „überzeugt war, dass jeder Versuch, Indien zu einem Staat nur für Hindus zu machen, Indien zerstören würde“, bleibt Schulkindern vorenthalten. Gandhi wurde bekanntlich von dem RSS-Anhänger Nathuram Godse erschossen. Muslime, die sich am Unabhängigkeitskampf gegen das britische Kolonialreich beteiligten, finden sich in den Lehrbüchern ebenso wenig wie Muslime, die an der Ausarbeitung von Indiens Verfassung beteiligt waren.

Über die Jahre sind von den Mogulherrschern erbaute Orte umbenannt worden. Die Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya im Jahr 1992 wurde damit gerechtfertigt, dass sie auf dem Gelände eines Hindutempels stehe. Es war ein entscheidendes Vorhaben der RSS auf dem Weg weg von einem säkularen Indien hin zu einem rein hinduistischen Staat. Somit soll ein wesentlicher Teil der indischen Bevölkerung erst aus den Lehrbüchern und dann aus einer gemeinsamen Zukunft in Indien getilgt werden.

Auch in den USA sind in kurzer Zeit 2.500 Bücher aus Schulbibliotheken und Lehrplänen verbannt worden, weil ihr Inhalt aus unterschiedlichsten Gründen missfiel. Das wird auch in Indien kritisiert, doch wer es zu laut und mit Verweis auf die Menschenrechte tut, hat schnell eine Anklage an der Backe. Viele aber kennen das historische Vorbild aus den 1930er Jahren, als in Deutschland Schulbücher umgeschrieben wurden, um die Naziherrschaft zu glorifizieren und den Antisemitismus zu schüren.

Die Konsequenzen sind nur zu bekannt. Doch Indien begibt sich bedauerlicherweise auf den gleichen Weg, und mit einem ähnlichen Ziel: Muslime aus der Erinnerung, aus dem gesellschaftlichen Diskurs zu löschen und letztlich in ihrer Existenz zu zerstören. Deutschland ist der siebtgrößte Investor in Indien. Vielleicht sollten seine Vertreter solche Irrwege seines Handelspartners deutlicher zur Sprache bringen.

Aus dem Englischen von Stefan Schaaf


[The original English version]

India goes the Nazi way with revising history textbooks

This was a long time coming: the selective erasure of India’s history, towards vilifying the Muslim population. And now, it is happening, in text. Specifically, history textbooks. All references to the Mughal period in India’s history—which spans for 300 years from the 16th to 19th centuries—have been deleted. Their important role in what is part of defining “Indian culture” has been deleted, all in the name of reducing the workload on children. So who made the Taj Mahal, that grand marble 17th century edifice that adorns every tourism brochure? That has been left to imagination.

All of this has been done as part of a systematic imposition of right-wing Hindu
fundamentalism, better known as Hindutva. The Hindu far-right group Rashtriya
Swayamsevak Sangh (RSS), which is the ideological mentor of the ruling Bharatiya Janata Party (BJP), has been since long trying to project India as a Hindu-only state. One can never forget the Godhra riots of 2002 in India’s western state of Gujarat, when Muslims were burnt, killed and raped; at that time, Narendra Modi was the leader of Gujarat. His silence and inaction towards curbing the violence is loud; his name was on several documents that called for justice. Today, he is the leader of the country, twice-elected since 2014. Over the last nine years, the violence towards Muslims across cities and towns and across all socio-economic classes, have been towards furthering this agenda of the Hindu state. It is no surprise that Godhra riots has also been removed from the textbooks of youths in their most formative years of development.

A sentence from the textbook stating that Gandhi “was convinced that any attempt to make India into a country only for Hindus would destroy India” has been deleted. Gandhi was, in fact, killed by Nathuram Godse, who was a member of RSS. References to Muslims who were part of India’s freedom struggle against the British colonial rule, as well as those who have been part of shaping independent India’s Constitution, have also been removed.

Through the years, cities and towns that were built by the Mughals have been renamed. Muslim-sounding names have been changed to Hindu-sounding names, thus eradicating their historical ties. The demolition of the Babri Mosque in 1992 under the claim that it was a site for a Hindu temple—which led to riots across the country and changed the face of secular India—is the most well-known project of the RSS towards making India a Hindu-only state. Two other mosques are slated to be met with the same fate.

With the deletions in the textbooks, this agenda is towards cultivating a future of India that erases a mass population. Critics of this move—and yes, there are many of them but who seem to be silences with cases filed against them for their human rights work—are making comparisons to Nazi Germany from nearly a century ago, when textbooks were edited to glorify leaders of National Socialists and propagate anti-Semitism. The consequences of that are historic and unforgettable. Alas, India has chosen to taken that exact route now, and for a similar goal: to erase Muslims from memory, narratives, and thus, existence. Perhaps it is time for Germany—which is the 7th largest investor for India—to question these missteps of its important trade partner.